Rodung im Wald für Windenergieanlagen als Symbol für Entwaldung

Windkraft im Wald: Der unbequeme Widerspruch zwischen Entwaldungsversprechen und Energiepolitik

 

Entwaldungsfrei auf dem Papier – Industriegebiete im Wald in der Praxis

Die Europäische Union verpflichtet sich mit großer Entschlossenheit zu entwaldungsfreien Lieferketten. Produkte wie Holz, Soja, Kaffee oder Kakao dürfen nur noch dann in Verkehr gebracht werden, wenn sie nicht aus entwaldeten Flächen stammen. Das Ziel: globaler Waldschutz.

Gleichzeitig jedoch werden in Deutschland großflächige Waldrodungen genehmigt, um Windenergieanlagen zu errichten. Wälder werden zu Industrieflächen umgebaut – inklusive Zufahrtsstraßen, Fundamenten und dauerhafter Bodenveränderung.

Dass wir auf der einen Seite weltweit Entwaldung sanktionieren und sie auf der anderen Seite im eigenen Land für Energieprojekte legitimieren, halte ich für einen kaum zu überbietenden Widerspruch und ehrlich gesagt für absurd.

Warum mich dieses Thema besonders betrifft:
Unser Unternehmen engagiert sich aktiv für Waldschutz. Für jeden durchgeführten FTL-Transport pflanzen wir einen Baum in unserer Region. Dieses Engagement ist kein Ausgleich auf dem Papier, sondern Ausdruck einer persönlichen und unternehmerischen Haltung: Wald ist kein abstrakter CO₂-Speicher, sondern ein lebendiges Ökosystem.

Vor diesem Hintergrund schlägt mir die industrielle Nutzung von Wäldern für Energieerzeugung besonders negativ auf, gerade dann, wenn sie politisch als „ökologisch“ etikettiert wird.

Genau hier entsteht der Widerspruch: Warum gelten Entwaldungsregeln für Produkte, nicht aber für Strom aus deutschen Wäldern?

Die Entscheidungsrichtlinie auf EU-Ebene: Entwaldung ist Entwaldung

Die EU-Entwaldungsverordnung definiert Entwaldung eindeutig als dauerhafte Umwandlung von Waldflächen. Diese Logik gilt unabhängig vom Zweck der Nutzung. Landwirtschaftliche Flächen unterliegen strengen Sorgfaltspflichten – Energieerzeugung hingegen bleibt außen vor.

Daraus ergibt sich doch zwangsläufig die Grundsatzfrage: Warum wird die Herkunft von Kaffeebohnen strenger kontrolliert als die Herkunft von Strom, der aus gerodeten Waldflächen stammt?

Sonderrecht im Wald: Wenn Bürokratie selektiv angewendet wird

Landeswaldgesetze regulieren Kahlschläge in Deutschland streng. Private Waldbesitzer müssen selbst kleinste Eingriffe genehmigen lassen, Flächen dokumentieren, Ausgleich schaffen und umfangreiche Auflagen erfüllen. Gleichzeitig werden Windparkprojekte regelmäßig als „überragendes öffentliches Interesse“ eingestuft – mit weitreichenden Ausnahmen von genau jenen Regeln, die für alle anderen gelten. Das Ergebnis ist eine faktische Sonderbehandlung industrieller Akteure bei gleichzeitiger Verschärfung für private und nachhaltig wirtschaftende Waldbesitzer.

Hinzu kommt eine sprachliche Umdeutung, die Entscheidungen politisch leichter vermittelbar macht. Rodung wird zur „temporären Waldnutzung“, Entwaldung zur „dauerhaften Nutzung mit Rückbauoption“. Was technisch und ökologisch irreversible Eingriffe sind – verdichtete Böden, zerstörter Wasserhaushalt, fragmentierte Lebensräume und verlorene Biodiversität – erscheint plötzlich harmlos und verwaltbar.

Wer Begriffe weichzeichnet, erleichtert harte Eingriffe. Und genau hier liegt für mich das eigentliche Problem: Nicht nur die Rodung selbst, sondern die bewusste Relativierung ihrer Auswirkungen untergräbt jede glaubwürdige Waldschutzpolitik. Wenn Recht und Sprache so flexibel werden, verliert der Schutzgedanke seine Substanz.

Der behauptete Klimanutzen – eine nüchterne Einordnung

Selbst optimistische Berechnungen kommen zu dem Ergebnis, dass der globale CO₂-Effekt durch Windenergieanlagen im deutschen Wald kaum messbar ist. Im Verhältnis zu den weltweiten Emissionen bewegt sich der Beitrag im Promillebereich. Dem gegenüber stehen jedoch irreversible Eingriffe in lokale Waldökosysteme: Bodenverdichtung, Zerschneidung gewachsener Lebensräume, Veränderung des Wasserhaushalts und der dauerhafte Verlust ökologischer Strukturen, die sich nicht einfach „zurück bauen“ lassen.

Als jemand, der selbst aktiv Bäume pflanzt, der ihr Wachstum über Jahre verfolgt und weiß, wie viel Zeit ein Wald braucht, um Stabilität und Artenvielfalt zu entwickeln, ist dieser Zielkonflikt für mich nicht theoretisch, sondern konkret sichtbar. Es geht hier nicht um abstrakte Emissionszahlen, sondern um reale Landschaften, reale Böden und reale Lebensräume.

Hinzu kommt ein weiterer Punkt, der in der Debatte kaum offen angesprochen wird: Mit einem ideologisch verengten Fokus auf das „Klima retten“ riskieren wir, uns selbst wirtschaftlich und strukturell zu schwächen. Funktionierende Infrastruktur wird aufgegeben oder sogar aktiv zurück gebaut – von abgeschalteten und gesprengten Kernkraftwerken bis hin zum Herausreißen bestehender Gasleitungen. Wohlstand und Versorgungssicherheit sind jedoch keine Nebensächlichkeiten, sondern die Grundlage für jede langfristige Umweltpolitik. Wenn Grundbedürfnisse wie Energieversorgung, wirtschaftliche Stabilität und soziale Sicherheit ins Wanken geraten, rückt Umweltschutz zwangsläufig in den Hintergrund.

Wer Wohlstand dauerhaft beschädigt, schwächt auch die Fähigkeit einer Gesellschaft, Naturschutz ernsthaft und nachhaltig zu betreiben. Für mich stellt sich daher nicht nur die Frage nach dem ökologischen Nutzen einzelner Maßnahmen, sondern nach ihrer Gesamtwirkung auf Umwelt, Gesellschaft und Zukunftsfähigkeit.

Ausgleichsmaßnahmen: Freikauf statt Wiederherstellung

Gesetzlich vorgeschriebene Ausgleichsmaßnahmen werden in der Praxis häufig monetarisiert. Statt tatsächlicher Wiederherstellung erfolgt eine Zahlung – ein sogenanntes Ersatzgeld. Ein neu gepflanzter Setzling ersetzt jedoch keinen gewachsenen Wald mit funktionierendem Boden- und Wassersystem.

Denn ein Wald ist weit mehr als eine Ansammlung von Bäumen auf einem Stück Land. Ein intakter Wald ist ein über Jahrzehnte, oft über Jahrhunderte gewachsenes Ökosystem. Der Waldboden entsteht langsam durch die Zersetzung von Laub, Totholz und organischem Material. In wenigen Zentimetern Humus steckt das Ergebnis jahrzehntelanger biologischer Prozesse. Milliarden von Mikroorganismen, Pilzgeflechte (Mykorrhiza), Insekten und Bodenlebewesen bilden ein komplexes Netzwerk, das Nährstoffe speichert, Pflanzen versorgt und Kohlenstoff bindet.

Auch die Biodiversität ist kein austauschbarer Faktor. Alte Mischwälder bieten Lebensräume in mehreren vertikalen Schichten – vom Boden über die Strauchzone bis in die Kronenräume. Viele Arten sind auf genau diese Strukturvielfalt angewiesen. Eine Aufforstung an anderer Stelle kann zwar langfristig neuen Wald entstehen lassen, aber sie ersetzt nicht den ökologischen Wert eines über Generationen gewachsenen Systems.

Deshalb greift die Logik „Eins zu eins ersetzen“ ökologisch zu kurz. Es geht nicht um die Anzahl gepflanzter Bäume, sondern um die Wiederherstellung eines hochkomplexen Lebensraums – und die ist weder kurzfristig noch vollständig reproduzierbar.

Fazit: Entwaldungsfreier Strom wäre wirklich innovativ

Windkraft im Wald zeigt exemplarisch, wie selektiv ökologische Argumente heute angewendet werden. Entwaldung wird international sanktioniert, Lieferketten werden bis ins Detail reguliert, Kleinunternehmer müssen Herkunftsnachweise führen – doch wenn es um Energieprojekte im eigenen Land geht, gelten plötzlich andere Maßstäbe. Wer Waldschutz ernst meint, muss ihn auch dort verteidigen, wo politische Ziele, Investitionsinteressen oder ideologische Narrative unbequem werden.

Aus persönlicher wie unternehmerischer Sicht bleibt für mich eine klare Konsequenz: Energieerzeugung darf nicht auf Kosten funktionierender Wälder erfolgen. Ein Wald ist kein austauschbarer Produktionsfaktor und kein „temporär genutzter Raum“, sondern ein gewachsenes Ökosystem mit eigener Dynamik, eigener Zeitdimension und unersetzbaren Funktionen für Boden, Wasser, Artenvielfalt und Klima. Ihn industriell zu überformen und das anschließend sprachlich zu relativieren, widerspricht dem Anspruch einer glaubwürdigen Umweltpolitik.

Ich pflanze selbst Bäume. Für jeden FTL-Transport setzen wir bewusst ein Zeichen und investieren in regionale Aufforstung. Ich sehe, wie langsam ein Wald entsteht. Ich sehe, wie empfindlich Böden reagieren. Und genau deshalb trifft mich die Leichtfertigkeit, mit der gewachsene Strukturen für einen global kaum messbaren Effekt geopfert werden, besonders.

Klimaschutz und Waldschutz sind kein Gegensatz. Im Gegenteil: Ein gesunder Wald ist selbst aktiver Klimaschutz. Doch das funktioniert nur, wenn gleiche Maßstäbe gelten – für Indonesien ebenso wie für Hessen, für Kakao ebenso wie für Strom. Wirklich innovativ wäre nicht entwaldungsfreie Schokolade, sondern entwaldungsfreier Strom. Erst dann wäre die Argumentation konsequent.

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